Kunstunterricht Hamburg

Ästhetische Bildung – demnächst ein Wald ohne Bäume?

Seit der gescheiterten Schulreform ist Bildung und Schulpolitik zum Tabu in Hamburgs Behörden geworden. Während Bürgermeister Ahlhaus auf seiner Homepage »Ruhe für Hamburgs Schulen« verkündet – was bei den fehlenden Bildungsplänen eher zynisch wirkt – , streicht sein Senator Wersich mit der Deputation möglicherweise am 22. Februar eine verlässliche Grundlage für die gesamte ästhetische Bildung.
Deputationen sind eine hamburgische Spezialität, die die Mitwirkung der Bürger an politischen Entscheidungen garantieren soll. Dass eine Deputation im bestehenden Proporz (=15 ehrenamtliche Bürger – 7 CDU, 6 SPD, 1 GAL, 1 Die Linke) jedoch zwei Tage, nachdem der Senator vermutlich abgewählt sein wird, über das Ende der Ästhetischen Bildung entscheidet, ist ungeheuerlich. Vor allem fehlt es aber an einer angemessenen Expertise, die die gesellschaftlichen Folgen und Dimensionen derartiger Entscheidungsprozesse aufzeigt.
Trotz des schlechten Zeugnisses in der überregionalen Presse („„Anfang vom Ende der Kunst“ – Hamburg – Hamburger Abendblatt“ im Hamburger Abendblatt, „CDU-Kandidat Scheuerl und Senator Wersich streiten über Kunstunterricht “ in Die Welt, die Pressemitteilung der Behörde für Schule und Berufsbildung mit dem Titel „Abschaffung von Kunst in der Schule“, die beiden Darstellungen der taz: Streit um Lehrpläne_ Feldzug für den Kunstunterricht – taz.de, CDU will Kunstunterricht abschaffen_ Wo bleibt die Kunst, Hamburger Morgenpost) bastelt Hamburg mit kaufmännischer Expertise nicht nur an einer rigorosen Reduzierung der Kunst naht, sondern der gesamten ästhetischen Bildung, da die Fächer Kunst, Theater und Musik keine langfristig verlässliche Planungssicherheit seitens der Behörde erhalten, wie sie in der Lehrerbildung auch an Universitäten und Kunsthochschulen in Zukunft nur noch eine unsichere Zukunft haben.
Die Kontingentierung der Stundentafel verschiebt die Verantwortung einer ästhetischen Bildung für alle auf die vermeintliche Autonomie der Schulen. Das ist keine Politik, sondern eine rein verwaltende Sparmaßnahme unter dem Deckmantel der Förderung einer dynamischen Schulentwicklung. Es findet eine Hierarchisierung von wichtigen und unwichtigen Fächern statt. Während das Kontingent für Sport fix gesetzt ist, muss in der Fachgruppe der ästhetischen Fächer wie auf einer Auktion geboten werden. Fachliche Begründungen sind kaum mehr notwendig, die Entscheidungen der Schulleitungen vermutlich meistens pragmatisch, in Abhängigkeit vom vorhandenen Personal und den Vorlieben von Eltern des Einzugsgebiets.
Von dieser radikalen Kürzung, welche die Fächer Kunst, Theater und teilweise Musik als Pflichtunterricht aufgibt, sind aber nicht bloß die Klasse 1-6 betroffen, sondern auch die Klasse 7-10. Statt acht Jahren verbindlichen Kunstunterricht, wird die zukünftige Generation oftmals gänzlich ohne Kunstunterricht auskommen müssen, obwohl Bildende Kunst seit Jahren das drittstärkste unter den dezentralen Abiturfächern, mit jährlich rund 1000 schriftlichen Abiturprüfungen ist. Musikunterricht hingegen soll immerhin teilweise verpflichtend bleiben.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Schulen bereits jetzt ihren enormen Fachlehrermangel der Künste selten auszuschreiben wagen, sondern lediglich auf die PISA-Fächer setzen, weil die marginalisierten ästhetischen »Nebenfächer« flächendeckend nicht einmal mit einer Fachkraft pro Jahrgang besetzt werden können. Lieber werden pädagogische Laien mit prekären Kurzzeitverträgen auf die Schüler angesetzt, als hier eine professionelle kunstpädagogische Basis zu schaffen. Mit anderen Worten: Der Rahmenplan Bildende Kunst wird qualitativ und quantitativ jetzt schon oftmals unterschritten. Das scheint für die Behörde jedoch kein Problem zu sein, weil sie es gar nicht erst kontrolliert.
Statt jedem Kind eine professionellen Lehre in den allen ästhetischen Fächern zu garantieren, bekommen die Kinder Musikinstrumente und dann eine Mindestanzahl an Musikstunden. Wie es in der Stundentafel zu der rätselhaften Verlagerung der Künste untereinander kommt, wird nicht transparent. Insofern wird man den Eindruck nicht los, dass das neue Ungleichgewicht der Künste nicht nur einer fragwürdigen Lobbypolitik geschuldet ist, sondern nach dem willkürlichen Gutdünken Einzelner entschieden wird. Wer aber wird in Zukunft das Studium des Kunstlehrers wählen, dessen Chancen jedes halbe Jahr in Hamburg neu auf der Agenda stehen?
Dabei ist der seit ca. 1870 flächendeckend verpflichtende Kunstunterricht in Deutschland ist vor allem an einem Medienstandort wie Hamburg und im digitalen Zeitalter bedeutsam, weil er eine Grundlage schafft für die kritische und ideenreiche Auseinandersetzung mit visueller und audiovisueller Kultur, mit materiellen und medialen Darstellungen, Technologien und Wahrnehmungs- und Kommunikationsweisen. Indem die Kunst Aufmerksamkeiten auf sehr unterschiedliche Art und Weise produziert und transportiert, ist sie mehr als luxuriöser Schnörkel, auf welchen man in Bildungsprozessen ebenso verzichten könnte. Vielmehr kann man Kunst als »Praxis des Antwortens« auf unterschiedliche Aufmerksamkeiten verstehen, die insbesondere in den Lehramtsstudiengängen relevant sind: An der Kunst kann man exemplarisch lernen, wie die Sinne mit dem Logos verknüpft werden, wie Denken und Machen, Sehen und Erkennen zusammenhängen. Eine Schulbehörde, die die ästhetische Bildung derart „autonomisiert“, trägt zur Zerstörung eines wesentlichen Faktor der Wissensproduktion bei. Sie ist entsprechend nicht bloß kunstfeindlich, sondern bildungsfeindlich.
»Wir befinden uns jetzt in Deutschland in einer Periode, die wir wohl vergleichen dürfen mit dem eines abgeholzten Waldlandes: die Kuppen sind entwaldet, sie lassen sich nicht ohne weiteres wieder aufforsten, und so lange sie nicht neu bestellt werden, bleiben sie Ödland. Das, was unsere nächste Generation zu thun hat, ist eine Art Aufforstung des öde liegenden Geländes unserer künstlerischen Kultur« (Lichtwark, S. 187). Dieses Zitat des ersten Direktors der Kunsthalle Alfred Lichtwark stammt aus einer Zeit, in der Hamburg die Wiege der Kunsterziehungsbewegung war und in der »die Vertreter von 34 deutschen Staatsregierungen und von 24 größeren Lehrerverbänden« (8) noch gemeinsam um fachlich fundierte inhaltliche Lösungsvorschläge für die zukünftige Bildung einer neuen Generation rangen. Aus meiner Sicht als just berufene Professorin für Erziehungswissenschaft, zuständig für Bildende Kunst, hoffe ich zusammen mit sämtlichen Fachdidaktikern der sprachlichen und ästhetischen Fächer der Universität Hamburg sehr, dass Hamburg deutlich aufforstet.

Quelle: Alfred Lichtwark auf dem ersten Kunsterziehungstages in Dresden 1901. In: Götze, C / Jessen, P. / Kalckreuth, L. von / Lange, K. / Lichtwark, A. / Pallat, L. / Seidlitz, W. von (Hg.): Kunsterziehung. Ergebnisse und Anregungen des Kunsterziehungstages in Dresden am 28. und 29. September 1901. Leipzig: Voigtländer 1902.

Protest gegen drastische Kürzung Ästhetischer Bildung

In Bezug auf die letzten Veröffentlichungen (s. nächster Eintrag) haben sämtliche didaktische Vertreter der sprachlichen und ästhetischen Fächer der Lehrerbildung an der Universität Hamburg ihre Sorge und Empörung gegenüber der geplanten drastischen Kürzung der Ästhetischen Bildung zum Ausdruck gebracht. In einem Brief an Senator Wersich heißt es: »Wir schließen uns dem Protest der HfBK und des BDK (Fachverband für Kunstpädagogik) an und fordern entsprechend ›eine Gleichbehandlung der musischen Fächer in der Schule, und die Kontinuität eines in ausreichender Stundenzahl – also mindestens zweistündig – erteilen Unterrichts in jedem musischen Fach‹ (BDK-Stellungnahme vom 27.01.2011) Die Pressemitteilung der Behörde, »es ändere sich in der neuen Stundentafel gegenüber jetzt nur wenig« ist ebenso wenig nachvollziehbar wie die Verlagerung der politischen Verantwortung von der Behörde auf die Schulen, die dann über eine ästhetische Bildung für alle in der Hansestadt selbst entscheiden sollen.« In einer Stadt, die als Wiege der deutschen Kunstpädagogik angesehen werden kann sprachen Sie sich daher vehement gegen die unsinnigen, kunstfeindlichen und ignoranten Kürzungspläne der Hamburger Behörde aus.