Tagungsbericht

Tagungsbericht Andreas Brenne

In Kooperation mit den TeilnehmerInnen
Ausgehend von dem prägnanten Satz aus Wittgensteins Frühwerk initiierte Andrea Sabisch, wissenschaftliche Assistentin am Kunstpädagogischen Institut der Universität Dortmund, das „erste kunstpädagogische Kolloquium“ an dem für die Fachgeschichte bedeutsamen Ort der evangelischen Akademie Loccum. Während Anfang der 1970er-Jahre Protagonisten der scheinbar verfeindeten Lager der visuellen Kommunikation und des Kunstunterrichts lautstark die Klingen kreuzten, reiste diesmal der wissenschaftliche Nachwuchs aus dem Bundesgebiet an, um sich interessiert und kritisch mit den Möglichkeiten qualitativer kunstpädagogischer Unterrichtsforschung auseinander zusetzten. „Das sich alles, was der Fall ist“, nur diesseits und jenseits ideologischer Zuspitzungen ermitteln lässt, war der unausgesprochene Konsens der angereisten TeilnehmerInnen; die obwohl Abkömmlinge unterschiedlicher kunstpädagogischer „Schulen“ (von Hamburg, Bremen, Oldenburg über Lüneburg, Paderborn, Münster, Dortmund bis nach Gießen, Frankfurt um schließlich in Augsburg anzukommen) sich nicht an den Positionen ihrer LehrerInnen ausrichteten, sondern sich begierig mit den Zugängen zu unterschiedlichsten Fällen befassten. Anders als bei den Großtagungen des zurückliegenden Jahres, wurde in Loccum vor allem Wert auf einen prägnanten impulsreichen Vortrag mit anschließender fundierter Diskussion gelegt. Die geringe TeilnehmerInnenzahl von 12 Personen und die Tatsache, dass jede/r zugleich ForscherIn und TeilnehmerIn war, sorgten für ein Gelingen des ambitionierten Vorhabens.

Teilnehmende bei der Lektüre

Nach einer Begrüßung durch Fritz Seydel (Hannover), der an die Bedeutung des Ortes für die Kunstpädagogik erinnerte, um dann einen Bogen zur Notwendigkeit einer vorurteilsfreien kunstpädagogischen Forschung zu schlagen, eröffnete Andrea Sabisch den Vortrags- und Diskussionsreigen, in dem sie ihre Erforschung von studentischen „Graphien“ präsentierte; eine Forschung im doppelten Sinne, da es um eine Analyse biografischer Spuren einer „ästhetischen Forschung“ der Studierenden ging. Im Sinne einer Einleitung dieser Tagung wurde insbesondere die Problematik der „Fallwerdung“ bzw. Fallerzeugung im Sinne eines konstruktiven Prozesses diskutiert. In ihrer Forschung versucht Sabisch dieser Problematik insofern zu begegnen, indem die ProbandInnen selber zur Erzeugung ihres Falls angeregt werden, wodurch entsprechendes Datenmaterial entsteht. Dabei wurde besonders deutlich: Jede „Graphie“ ist eine Inszenierung der Artikulation. Sabisch versucht in ihrer Forschung einen Weg zu finden, der vor allem die beforschten Subjekte selbst zum Sprechen bringt. Dabei ist sie sich sehr wohl bewusst, dass bereits die Darstellung und Beschreibung der ästhetischen Bio-Grafien ein interpretativer Akt ist, den es methodisch zu kontrollieren gilt. In der anschließenden Diskussion wurde auf Schwierigkeiten von Komplexitätsproduktion (Graphien) und Reduktion (Sortierung und Interpretation der Daten) hingewiesen. Interpretationsansätze des präsentierten Materials wurden in der Gruppe erarbeitet.Im Gegensatz zu Andrea Sabischs Versuch das beforschte Subjekt an der Fallwerdung zu beteiligen, erörterte Sabine Grosser, Forschungskoordinatorin der Universität Paderborn (PLAZ: Paderborner Lehrerausbildungszentrum), anhand eines Teilbereichs ihres Forschungsprojektes, in wieweit wir „Andere zum Fall erklären“? In Ihrer Studie über KünstlerInnen aus Sri Lanka versucht sie in Ergänzung zur Werkanalyse vorliegender Kunstwerke durch teilnehmende Beobachtung und fokussierte Interviews zu klären, wie sich Künstlerpersönlichkeit und künstlerisches Tun innerhalb einer postkolonialen Gesellschaft konstituiert, deren originäres Kunstverständnis sich vom westlichen „Betriebssystem“ Kunst wesentlich unterscheidet. Subjektivität des Forschenden versucht Grosser insofern zu relativieren, indem sie stark deskriptiv vorgeht und in den Interviews lenkende Fragestellungen vermeidet. Diskutiert wurde in diesem Zusammenhang die Reaktivität des Forschungsszenarios, sowie die Frage, in wiefern es sinnvoll ist die Beforschten mit den Forschungsergebnissen im Sinne eines Korrektivs zu konfrontieren. Einleitend hatte Grosser die wissenschaftstheoretischen Implikationen des Wittgenstein Zitates skizziert und im Laufe des Vortrags mit ihrem eigenen Vorgehen kontrastiert.

Den zweiten Tag des Forschungskolloquiums leitete Anja Mohr von der Universität Gießen mit einem intermedialen Einblick in ihr Forschungsprojekt zur „digitalen Kinderzeichnung“ ein. Im Kontrast zur traditionellen Analyse der „analogen“ Kinderzeichnung, die sich vor allem am Produkt orientiert, richtet sie den Forschungsfokus auf die für die Arbeit mit digitalen Werkzeugen spezifischen bildnerisch-ästhetischen Prozesse. Die von Kindern in der Regel genutzten digitalen „Malprogramme“ verfügen über so genannte „Undo-“ und „Löschfunktionen“, so dass das Endprodukt wenig Rückschlüsse auf ästhetische Prozesse zulässt. Anja Mohr begegnete dieser Problematik durch ein geeignetes technisches Instrumentarium, das die Phasen der „Bildwerdung“ digital aufzeichnet und eine zusätzliche Videokamera, welche die Reaktionen des Kindes festhält. Zur Auswertung des Materials propagierte Mohr einen hermeneutischen Ansatz, welcher die durch teilnehmende Beobachtungen gewonnenen subjektiven Interpretationen im Sinne einer Triangulation mit halbstrukturierten Interviews und den Auswertungen des audiovisuellen Materials ergänzt.

Christine Heil von den Universitäten Flensburg und Bremen präsentierte Ergebnisse aus dem Vorbereitungsseminar zu einem Fachpraktikum: Wie kann man sich kartierend mit Kunst auseinandersetzen und daraus Unterricht erfinden? Thematisiert wurde das âKartierenÕ als eine künstlerische Erkenntnispraxis, die auch in der Kunstpädagogik aufgegriffen wird. Der künstlerische Forschungsprozess findet auf der Handlungsebene statt, im Auffinden von Wegen, wie etwas kartiert, d.h. beobachtet, gesammelt und aufgezeichnet wird. Interessant am Begriff der Kartierung ist die Wechselwirkung zwischen Karte und Territorium, verstanden als betrachteter Ausschnitt des realen oder imaginären Raumes: denn das Territorium entsteht gleichzeitig mit der Karte. Im ästhetischen Projekt, das Heil an der Universität Flensburg mit Studierenden durchgeführt hat, dokumentieren die im Arbeitsbuch festgehaltenen Skizzen und Texte diesen Prozess. Diskutiert wurden die möglichen Vorgehensweisen, das vielfältige und medial sehr unterschiedliche Material der studentischen Kartierungen zu lesen sowie die nahe liegende Möglichkeit, das Material wiederum kartierend zu erforschen. Leitend bleiben die Fragen danach, was zwischen einer künstlerischen Arbeit und einem kartierenden Betrachter- bzw. „Anwender“-Subjekt passiert und wie der dabei entstehende singuläre Bezugsraum beschreibbar ist.

Den Nachmittag eröffnete Sabine Steinkopff (Bremen – Oldenburg) mit ihren Betrachtungen zur „kunstpädagogische Lust, Situationen in Fälle zu verwandeln“. Die Fallkonstruktion nimmt dadurch Bildcharakter an; ist also bildliche Manifestation von Ereignissen. In einer Zeit in der sich das geschlossene Bild zugunsten einer offenen und prozessualen Situation verändert, stellt sich die Frage, was kunstpädagogische Einzelfälle anderen exemplarisch zu sagen haben. In ihrer Aufarbeitung und Analyse der späten Projekte Gert Selles, an denen sie mitgearbeitet hat, weist Steinkopff darauf hin, dass Fälle nicht nur etwas zeigen, sondern auch Impulse für den kunstpädagogisch interessierten Leser darstellen (können). Im Sinne von Animation und Partizipation, beides Kategorien der gegenwärtigen Kunst, dient kunstpädagogische Forschung nicht nur der Erhellung ästhetischer Prozesse, sondern ist gleichfalls Initial für eine veränderte Praxis.

Der daran anschließende Beitrag von Georg Peez (Universität Duisburg-Essen) bestand nicht nur in der Darstellung seiner Erforschung kunstpädagogischer Biographien, sondern verdeutlichte praktisch, was unter „Objektiver Hermeneutik“ zu verstehen ist. Auf der Grundlage einer Transkription eines Interviews, das Studierende der Universität Duisburg-Essen durchgeführt haben, interpretierten die TeilnehmerInnen der Tagung gemeinsam eine Textsequenz, worauf man sich in einer detaillierten Gruppendiskussion der komplexen Struktur des Einzelfalls annäherte. Peez` Beitrag war eine ertragreiche Teilhabe und gab einen Einblick in Möglichkeiten und Chancen einer auf Empirie gründenden kunstpädagogischen Forschungspraxis.

Oliver Reuter (Universität Augsburg) zeigte in seinen Betrachtungen die Rolle des Subjektiven in der Forschung auf und schloss diesen Tag mit hintergründigen und nachdenklichen Gedanken über die Chancen und Begrenzungen qualitativer Empirie, die das Subjektive sowohl als zentrales Instrumentarium festmachen muss, als auch offensiv als Bestandteil der Untersuchung darzustellen hat.

Die Beiträge des letzten Tages thematisierten die „Grounded Theory“ als eine zentrale Forschungsmethode qualitativer kunstpädagogischer Empirie. Dieses Verfahren versucht, mit einem möglichst offenen Fokus sich seinem Gegenstand zu nähern. Es generiert Theorien nicht durch die Adaption bereits abgesicherter Erkenntnisse, sondern versucht der Komplexität des Einzelfalls dadurch gerecht zu werden, indem Theorien durch kreatives Kodieren direkt aus dem Material gewonnen werden.

Andreas Brenne aus Münster zeigte exemplarisch in seinem Beitrag zur Unterrichtsforschung, wie er durch Analyse von Feldprotokollen, Expertenbefragungen und Fotografien die Wirkungen der kunstpädagogischen Methode der „künstlerischen Feldforschung“ im Kontext der Primarstufe evaluierte, um dann Bezüge zur Erforschung kindlicher Bildungsprozesse herzustellen. In diesem Zusammenhang reflektierte er die Möglichkeiten von LehrerInnen die eigene pädagogische Praxis zu erforschen.

Julia Rabe-Kröger von der Universität Lüneburg setzte sich in ihrem Vortag mit dem Bildgebrauch von Kindern im „digitalen Zeitalter“ auseinander. Diesbezügliche Erkenntnisse können nur durch einen offenen Forschungsfokus jenseits existierender konventioneller Theorien ermittelt werden. Untersucht wurde ein offenes kunstpädagogisches Szenario, das den Kindern im Grundschulalter digitale Bildbearbeitung ermöglichte. Im Sinne der Triangulation wurde auf unterschiedliche Materialien zurückgegriffen: Gesprächs- und Beobachtungsprotokolle, offene Interviews und Artefakte (analoge und digitale Arbeiten der Schüler im Vergleich ließen eine Mehrperspektivität zu und wurden von Fall zu Fall voranschreitend analysiert.)

Nach einer schöpferischen Mittagspause, sowie einer Besichtigung der frühgotischen Abtei Loccum, beschloss Stephan Münte-Goussar mit einem intermedialen Beitrag, der sich wohltuend von den gängigen „Power-point“-Präsentationen unterschied, die Tagung. Gegenstand des „Vortrags“ war die Dokumentation des im Kontext des Modellprojektes KuBiM (Kulturelle Bildung im Medienzeitalter) angesiedelten Projektes „sense&cyber“. Wissenschaftlich betreut von der Universität Hamburg unter der Federführung von Torsten Meyer wurden in diesem Projekt ästhetische Projekte zur Medienerziehung im „neuen Medium“ initiiert und analysiert. Der Vortragende äußerte, ähnlich wie Andrea Sabisch und Christine Heil, seine Skepsis bezüglich der Möglichkeiten der abbildhaften Repräsentation eines Falles. Eine Artikulation dieses Problems besteht seines Erachtens in einer umfangreichen Materialsammlung, die dem Rezipienten die Möglichkeit eröffnet, das Material nach jeweils unterschiedlichen Ordnungskriterien, Perspektiven und Fragestellungen zu sortieren, die sich damit nicht auf eine eindeutige Interpretation festlegt und keine allein gültige Lesart erzwingt. Da dies auf der analogen Ebene nicht möglich ist (dies würde eine schwer handhabbare Loseblattsammlung in Verbindung mit Videos, Artefakten und Fotografien bedeuten), bietet eine multimediale Datenbank – vorausgesetzt man ist den Umgang mit digitalem Material gewöhnt und verfügt über die notwendige Hard- und Software – die notwendigen Techniken um derartige Operationen zu ermöglichen. Wohin dies führt, und ob das Material diskursfähig ist, lässt sich erst ermessen, wenn die digitale Alphabetisierung weiter vorangeschritten ist. Bisher besteht die Publikation „sense&cyber“ aus einem traditionellen Fließtext in gebundener Form, dem eine DVD beigelegt ist.

Hiermit endete das „Erste Kunstpädagogische Forschungskolloquium“; weitere sollen auf Wunsch der TeilnehmerInnen folgen um die produktiven Diskussionen an konkreten Fällen weiterführen zu können. Es ist zu hoffen, dass der Geist dieser Tagung auf das Fach ausstrahlt. Eine Theoriebildung, die aus einem Fall heraus entwickelt wird, kann relevant werden für kunstpädagogische Praxis. Neben anderen Formen der Theoriebildung bereichert sie den kunstpädagogischen Diskurs, indem sie auf grundsätzliches hinweist: die ästhetische Bildung und Erfahrung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.