Tagungsbericht

Stephan Münte-Goussar und die Teilnehmer/-innen
Tagungsbericht – Kunstpädagogisches Kolloquium in Loccum II

Die künstlerische Bildungsarbeit sei einem zunehmenden „Legitimierungsdruck ausgesetzt“, Nachweise über die Wirkungen und die Qualität ihres Tuns zu erbringen. So eröffnete Julia Raabe-Kröger im September letzten Jahres das zweite Kunstpädagogische Kolloquium in Loccum. Es müsse demnach „Aufgabe der Kunstpädagogik“ sein, sich dieser Herausforderung durch die „Entwicklung eigener Forschungskonzepte und ?methoden“ zu stellen. Mit „Spannung geladene Momente“ ergeben sich vor allem dann – so erinnerte sie noch im selben Atemzug an das erste Kunstpädagogische Kolloquium, wo man sich dieser Aufgabe in Bezug auf den „Fall“ schon einmal zugewandt hatte[1] – wenn die „Möglichkeiten der Grenzüberschreitung zwischen Forschung und Kunst, Kunst und Vermittlung sowie Vermittlung und Forschung“ in den Blick genommen werden.

Mit dem Tagungstitel „Erkenntnispraxen im Feld von Kunst und Pädagogik“ war dann auch das Gelände abgesteckt, an dessen Rändern, Zwischenräumen und Übergängen man sich entlang bewegen wollte: Einerseits eine Wissenschaft, die sich selbst als Praxis versteht – vielleicht als eine künstlerische, zumindest als eine Tat-Sache, als ein Sach-Verhalten, das Dinge nicht entdeckt, sondern macht; zudem als eine Praxis, die Erkenntnis nicht gegen Erfahrung ausspielt, sondern sich immer schon in unterschiedlichen Verhältnissen, Bezügen und Austauschmöglichkeiten zu anderen Lebensbereichen weiß; andererseits eine Kunst, die Forschung zu sein beansprucht und nach Gemeinsamkeiten in Arbeitsprozessen und Darstellungsstrategien sucht; schließlich eine Pädagogik, die sich zwischen inszenierter Forschung und forschender Inszenierung hin und her bewegt.

Aber nicht allein die gemeinsame Fragenstellung versuchte, auf der Schwelle zu operieren. Auch die Tagungsform wollte Türen öffnen: Türen, die den Blick in die Werkstatt, ins Labor, ermöglichten – nämlich in diejenigen der Tagungsteilnehmer/-innen: neun Nachwuchswissenschaftler/-innen, die sich inmitten aktueller Forschungsvorhaben, zumeist der eigenen Dissertation, befinden. Die Arbeiten wurden im Prozess gezeigt – mit all ihren Zweifeln, offenen Fragen und brüchigen Zusammenhängen, nicht als abgeschlossne Gewissheiten. Im Vordergrund stand der freundliche, wenngleich nicht unkritische Austausch. So fand man durchaus deutliche Worte für einander, die aber stets von Respekt und dem Einverständnis getragen wurden, den Herausforderungen, vor denen die Disziplin steht, gemeinsam entgegen zu treten.

Julia Rabe-Kröger betont mit ihrem Beitrag „Bildpragmatik – oder die Zusammenhänge zwischen Bedeutungen und Handlungsdispositionen“ einen Übergang und eine Verschiebung sowohl bzgl. des Forschungsstils als auch des Forschungsgegenstandes: zum einen weg von einer Interpretation von Kinderbildern, die darin nach Sinn sucht, hin zu einer Aufmerksamkeit dafür, wie Kinder Bilder gebrauchen. Sie wählt hierfür zum anderen die Grounded Theory als eine geeignete Methode, da diese „Ähnlichkeiten zwischen forschender und künstlerischer Arbeit zulässt und sogar anstrebt.“ Sowohl in der theoretischen Begründung im Pragmatismus, als auch in ihrer Vorgehensweise ähnelt sie damit zudem dem beforschten Gegenstand – der kindlichen Bildpragmatik –, dem sie in einem Gefüge ineinander greifender forschender Praktiken, in einer Reihe verschiedener Übersetzungeschritte, eine stets vorläufige Stabilität gibt.

Andrea Sabisch markiert mit ihrem Titel „»Findigkeit«: eine Heuristik für die Kunstpädagogik?“ die Bedeutung der Erfahrung für jede Forschung. Jenseits einer objektivierbaren Tatsachen-Erkennung, aber diesseits einer rein ästhetischen Erfahrung, ist die Heuristik als ein Verfahren zur Handhabung von Problemen zu denken. Forschungspraxis sei – so Sabisch – Entscheidungs-Findung, die sich im Prozess des Entscheidens entzieht. Erst nachträglich sei sie anhand von „Übergangsfiguren“ rekonstruierbar. Das Problem, welches Sabisch den Teilnehmer/-innen als Praxis aufgab, bestand darin, eine lose Sammlung von Notizen, Aufzeichnungen und Bildern zu ordnen. Jeder einzelne musste entscheiden, nach welchen Kriterien die Fragmente wie zusammen gestellt werden sollten: anhand der erkennbaren Formen, der Bedeutung der Texte, anhand der Intention eines unterstellten Subjekts usw. Es entstanden neun verschiedene Muster.

Sara Burkhardt bewegt sich mit ihrem Beitrag „Künstlerische Konzepte und Vorgehensweisen im Netz als Anlass für kunstpädagogisches Handeln“ auf der Grenze zwischen künstlerischen Strategien und Pädagogik. Sie fragt danach, ob und wie Verfahren und Strukturen der Netzkunst – die keineswegs tot sei! – Impulse für neue Formen des Lernens, des Unterrichtens und der Schulentwicklung geben oder gar „Modellcharakter“ für diese haben können.

„Kartieren heißt forschen“, sagt Christine Heil. Der Begriff des Kartierens, des Mappings, bezeichne nicht nur bestimmte Verfahren im wissenschaftlichen Handeln – speziell im Selbstverständnis der Ethnographie, der Cultural Studies und der qualitativen Sozialforschung –, sondern ebenso Tendenzen in der Kunst wie auch alltägliche Handlungsweisen des Ordnens. Wie der Titel ihres Beitrags „Kartierende Erkenntnispraxen in Wissenschaft und Kunst, in der Auseinandersetzung mit Kunst und bei der Erfindung von Unterricht“ verrät, sucht sie im Begriff des Kartierens nach der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst in Bezug auf kunstpädagogische Situationen, in denen Studierende selber kartierend tätig sind. So sagt Heil: „Ich erforsche die kartierenden Auseinandersetzungen von Studierenden, indem ich kartiere.“

Julia Schawe und Marc Fritzsche stehen noch am Anfang ihrer Forschungsarbeiten. Im Zentrum steht zunächst die Suche nach einer klar umrissenen Forschungsfrage. Schawes Interesse richtet sich dabei auf die künstlerischen Darstellungsweise der Zentralperspektive, deren Einfluss auf wissenschaftliche Erkenntnisverfahren und ihre – zumindest prognostizierbare – historische Ablösung durch die „Database als Symbolische Form“.

Auch Fritzsche Augenmerk richtet sich auf die so genannten Neuen Medien, wenn er nach einer „kunstpädagogischen Medienpraxis in der Lehrerbildung“ fragt.

Der Gegenstand von Ansgar Schnurrs Forschung ist in sich selbst ein lebender Übergang von Kunst, Leben und Erkenntnispraxis. Schnurr untersucht das Werk von Timm Ulrichs in kunstwissenschaftlicher und kunstdidaktischer Perspektive. Im Fokus stehen hierbei performative Kommunikations- und Erkenntnisprozesse, verstanden als flüchtige, momenthafte, wirklichkeitskonstruierende und unwiederholbare Erkenntnis-Akte. Dieser „Witz“ wird im Werk von Tim Ulrichs systematisch aufgesucht und in Hinblick auf seine Relevanz für kunstpädagogisches Handeln befragt.

Andreas Brenne hat mit seiner Doktorarbeit eine am Konzept „Künstlerische Feldforschung“ von Lili Fischer orientierte Untersuchung seines eigenen Kunstunterrichts vorgelegt.[2] Bei dem Konzept handelt es sich um eine vorsätzliche Entgrenzung zwischen Kunst, wissenschaftlichen Forschungsverfahren und Pädagogik. In einer Fortschreibung dieser Perspektive interessieren Brenne nun die „Möglichkeiten und Schwierigkeiten von Handlungsrekonstruktionen kunstpädagogischer Prozesse durch Auswertung und Interpretation von Aktionsphotographien.“ Es geht folglich um eine Bildwissenschaft, die sich gleichermaßen Verfahren qualitativer Sozialforschung wie auch künstlerischer und kunsthistorischer Vorgehensweisen bedient.

Stephan Münte-Goussar fragt schließlich in seinem Beitrag danach, wie wissenschaftliche Erkenntnispraktiken, die Erkenntnis seiner selbst voraussetzen und einschließen. Da jedem Erkenntnisakt „Technologien des Selbst“ unterlegt seien, innerhalb derer ein erkennendes Subjekt aller erst konstituiert wird, stellt sich für Münte-Goussar die Frage nach gegenwärtigen Selbst-Techniken in Wissenschaft, Kunst, Pädagogik und alltäglicher Lebensführung – gerade vor dem Hintergrund neuer Kultur-Techniken und speziell in Bezug auf Aufschreibesysteme, die mit den so genannten Neuen Medien aufkommen. Diese werden in dem Spannungsfeld zwischen einer asketischen „Ästhetik der Existenz“ und disziplinären Regierungstechniken verortet – ein Spannungsverhältnis das seinerseits als eine ausschließende Einschließung gedacht werden kann.

Für den 25.-27.08.2006 ist ein drittes Kolloquium unter dem Titel: „Kunst und Wissen“ geplant. Es soll erneut die Schwelle zwischen Verfahren der Kunst und denen von Wissenschaft, von Bildung in der so genannten Wissensgesellschaft und der Formierung des Wissens in der Postmoderne beschritten werden.

Wer Interesse hat, an der geplanten Tagung teil zu nehmen, meldet sich bitte zunächst formlos unter: Stephan.Muente@uni-hamburg.de


 [1] vgl. Brenne, Andreas: Kunstpädagogisches Kolloquium in Loccum, BDK-Mitteilungen 1/05, S.36-37
[2] Brenne, Andreas: Ressource-Kunst. Künstlerische Feldforschung in der Primarstufe – Qualitative Erforschung eines kunstpädagogischen Modells,